DTG-Kuratoriumsmitglied Prof. Dr. Maria Deppermann verstorben

Am 8. Juli 2024 ist in Innsbruck/Österreich im Alter von 85 Jahren die Slawistin und Komparatistin Maria Deppermann verstorben.

1939 in Naumburg an der Saale geboren, verließ Deppermann 1956 die DDR, wo sie trotz bester Leistungen keine Chance zum Besuch einer höheren Schule erhalten hatte. Maria Deppermann machte das Abitur in der BRD, sie studierte Slawistik, Germanistik und Philosophie, promovierte 1980 und habilitierte sich 1988. Nachdem sie lange Jahre an den Universitäten Freiburg und Tübingen gewirkt hatte, übernahm Maria Deppermann 1991 den Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, den sie bis 2007 innehatte; bis 1999 war sie Vorstand des Instituts.

Maria Deppermanns besonderes Interesse galt der ästhetischen Moderne und dem Fin de siècle um 1900 im europäischen Vergleich. Ihr Verdienst besteht darin, den Beitrag der russischen Literatur (Symbolismus) und Philosophie zu diesem gesamteuropäischen Phänomen herausgearbeitet zu haben ‒ einem geistigen Verbund, der durch den Ersten Weltkrieg und nachfolgende Entwicklungen nachhaltig gestört, zum Teil zerstört und vergessen wurde. „Russisches Denken im europäischen Dialog“ ist der Titel einer von Deppermann 1994 organisierten Tagung, dieser Titel könnte auch als Motto über ihrer gesamten wissenschaftlichen Arbeit stehen.

Es versteht sich, dass auch Anton Tschechow ‒ als ein Autor, der die geistigen und gesellschaftlichen Diskurse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Fin de siècle intensiv reflektierte ‒ im Fokus von Maria Deppermanns Interesse stand. Sie war gemeinsam mit ihrem Lehrer und Kollegen, dem im März 2024 verstorbenen DTG-Ehrenvorsitzenden Rolf-Dieter Kluge, in den 70er Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass die Tschechow-Tradition in Badenweiler für die internationale Wissenschaft „entdeckt“ und aufgearbeitet wurde ‒ wie wir heute wissen, ein folgenreicher Prozess.

Maria Deppermann war der Deutschen Tschechow-Gesellschaft seit ihrer Gründung 2009 eng verbunden und stand ihr als Kuratorin beratend zur Seite. Die Tschechow-Gesellschaft verliert mit ihr eine herausragende Wissenschaftlerin und einen wunderbaren, unersetzlichen Menschen.