Int. Tschechow-Woche Badenweiler 2024

Michail Schischkin - einer der wichtigsten russischen Schriftsteller in der Internationalen Tschechow-Woche

Sonntag, den 14. Juli, 20 Uhr, im Kurhaus Badenweiler

Der bekannte russische Schriftsteller Michail Schischkin schrieb 2019 in seinem gemeinsam mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten Fritz Pleitgen veröffentlichten Buch „Frieden oder Krieg. Russland und der Westen. Eine Annäherung“ in Anspielung an Churchills bekannte Sentenz, Russland sei geheimnisvoll und mysteriös, dass sein Land weder das eine noch das andere sei. „Es gibt keine „rätselhaften und mysteriösen“ Völker auf dem Planeten. Es gibt bloß fehlendes Wissen.“

Diesem Wissensmangel abzuhelfen, hat sich die Dt. Tschechow-Gesellschaft (DTG) seit ihrer Gründung vor 15 Jahren verpflichtet, in einer Zeit, als man noch mit einer friedlichen „strategischen“ Partnerschaft zwischen Westeuropa und Russland rechnen durfte.

Der in Badenweiler verstorbene antiideologisch-humanistische Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow erschien für eine solche Absicht die besten Grundlagen zu bieten und wirklich, lange Jahre war die Kooperationsgeschichte der DTG wie des Literarischen Museums Tschechow-Salon mit russischen Institutionen ein beeindruckender Erfolg. Doch der Angriff Russlands auf die Ukraine brachte den geistigen und personellen Kontakt der DTG und Badenweilers mit Russland zum Stillstand. Allerdings sind die Dt. Tschechow-Gesellschaft und Badenweiler in diesem Jahr glücklich, ihre Gründungsintentionen auf besondere Weise realisieren zu können, nämlich durch die Einladung Michail Schischkins für die diesjährige Internationale Tschechow-Woche im Juli 2024. Der russische Autor lebt seit 1995 vor allem in der Schweiz und ist nach eigenem Bekunden auch ein Verehrer Tschechows. Die gemeinsame Kulturgeschichte der Schweiz und Russlands hat er übrigens in einer umfangreichen Arbeit dargestellt.

Schischkin wurde 1961 in Moskau geboren, war zuerst in seiner Heimatstadt als Journalist und Lehrer für Deutsch und Englisch tätig, bevor er sich völlig der Literatur verschrieb. Er gilt als einer der meistgefeierten russischen Schriftsteller der Gegenwart. Seiner Feder entstammen Romane, Schauspiele, kulturkritische und journalistische Arbeiten. Als einziger Autor wurde er mit den drei bedeutendsten Literaturpreisen Russlands ausgezeichnet. Im Jahr 2000 erhielt er den Russischen Booker-Preis, 2005 den Nationalen Bestseller-Preis und 2011 den Großen Buchpreis. Auch im Westen wurde er vielfach mit Preisen bedacht, etwa 2005 für das beste ausländische Buch in Frankreich, 2011 mit dem Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt in Berlin, 2022 mit dem Europäischen Strega Literaturpreis in Italien. Seine Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Seine journalistischen Beiträge werden in großen Zeitungen des In- und internationalen Auslands publiziert.

In diesem Jahr ist Michail Schischkin geladen, im Deutschen Literaturarchiv und der Dt. Schiller-Gesellschaft in Marbach die „Friedrich-Schiller-Rede“ zu halten, die zu Ehren des Geburtstags des deutschen Klassikers am 10. November 1759 seit 25 Jahren gehalten wird.

Schischkin hatte lange Zeit gehofft, dass Russland und Westeuropa endlich eine gemeinsame Zukunft besäßen, doch in den letzten zehn Jahren und besonders seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 zählt er zu den schärfsten Kritikern des russischen Staatspräsidenten Putin. Am 11. November letzten Jahres schrieb er in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung den Satz: „Was die Kultur betrifft, ist die Russische Föderation auf absehbare Zeit zu einer radioaktiv verseuchten Zone geworden.“ Und dennoch hofft Schischkin auf eine Wiederbelebung der russischen Literatur, wenn auch voller Zweifel. Seitdem er 2013 einen offenen kritischen Brief über das Putin-System geschrieben hat, gilt er für den russischen Staat als Verräter. Und anlässlich des Todes von Regimekritiker Nawalny schrieb er am 17.2.24 einen Nachruf, den er der DTG zukommen ließ und in dem er mit Nawalnys Tod auch den des seines geliebten Russlands beschreibt. Seine traurige Erkenntnis: Das Volk schwieg schon immer zu Verbrechen der Herrscher – es ist die seit Jahrhunderten eingeübte Strategie des Volkes, in der Diktatur selbst am Leben zu bleiben.

Schischkin hat sich bereit erklärt, speziell für die Tschechow-Woche einen Vortrag mit dem Thema „Tschechow als Patriot“ auszuarbeiten. Bei Schischkins Tschechow-Verehrung steht zu mutmaßen, dass er diesen als Patrioten keineswegs auf der politischen Seite des russischen Präsidenten verorten wird. DTG und Badenweiler können gewiss mit einem gewichtigen literarischen und aktuellen Beitrag zur Tschechow-Rezeption rechnen. Das Literarische Museum Badenweiler und die DTG werden, begrenzt auf die Tschechow-Woche, gemeinsam auftreten, um die Förderwege Marbachs für Literaturaktionen nutzen zu können.

Heinz Setzer

©Foto: Evgeniya Frolkova